10. September 2026

«Heute verdiene ich mein Geld zu 90 Prozent mit Stahl»

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Astrid Bleiss arbeitet mit grossen Maschinen, viel Stahl und auch mal im Wasser. Die Bauführerin ist über Umwege im Spezialtiefbau gelandet – und engagiert sich seit vielen Jahren für Baukader Schweiz.

Text: Sébastian Lavoyer

Astrid, wenn dir vor zehn Jahren jemand in deinen heutigen Job das Haupt-Baumaterial beschrieben hätte – wie hättest du reagiert?
Ich hätte ihm wahrscheinlich ins Gesicht gelacht. Damals hatte ich vor allem mit Stein, Beton und Belag zu tun, vielleicht noch mit Holz. Heute verdiene ich mein Geld zu wohl 90 Prozent mit Stahl. Ich leite bei der JMS Risi AG den Bereich Rammpfähle, Spundwand und Wasserbau.

Was fasziniert dich an deiner Arbeit?
Die grossen Dimensionen. Wir arbeiten mit grossen Geräten und treiben beispielsweise bis zu 20 Meter lange Stahlspundbohlen in den Boden, um Baugruben mit Spundwänden zu sichern.

Dabei bist du ursprünglich Tiefbauzeichnerin und Maurerin. Wie bist du im Spezialtiefbau gelandet?
Eigentlich bin ich da über die Jahre reingerutscht. Ich war rund 17 Jahre im allgemeinen Tiefbau tätig. Mit dem Rohrvortrieb kam ich allerdings schon auf meiner ersten Baustelle als Bauführerin in Kontakt.

Was ist Rohrvortrieb?
Vereinfacht gesagt treibst du Rohre durch den Boden, ohne über die ganze Strecke einen offenen Graben auszuheben. Das reicht von kleineren Verfahren mit einer Erdrakete bis zum Microtunneling mit grossen Betonrohren. Zum Einsatz kommt das etwa unter Strassen oder Bahntrassees.

So bist du in den Spezialtiefbau gekommen?
Ja. Mit dem damaligen Bauführer des Rohrvortriebs haben sich meine Wege immer wieder gekreuzt. Nach 17 Jahren im allgemeinen Tiefbau wollte ich etwas anderes machen. Ich wechselte für ein Jahr in den Rohrvortrieb. Das passte nicht richtig. Danach war die Stelle bei JMS Risi ausgeschrieben – und ich landete beim Rammen und Wasserbau.

Was hast du vorher im allgemeinen Tiefbau gemacht?
Sehr viel Infrastrukturbau: Werkleitungen, Bachumlegungen, aber auch Renaturierungen und Quellfassungen. Bei Quellfassungen musst du sehr vorsichtig arbeiten und bist im ständigen Austausch mit Geologen, die die Situation beurteilen.

Du hast einen ziemlichen Slalom hingelegt: Lehre im Tiefbau, Zusatzlehre im Hochbau und jetzt Spezialtiefbau.
(Lacht) Ja, so hat es sich ergeben. Ich wollte auch den Hochbau kennenlernen, darum die Lehre als Maurerin. An der Bauführerschule fokussierte ich ebenfalls auf den Hochbau. Als ich fertig war, gab es dort aber keine passende Stelle. Also ging ich wieder in den Tiefbau.

Zum Rammen kommt heute der Wasserbau. Was macht diesen besonders?
Du bist stark von den Bedingungen vor Ort abhängig. Bei einem Projekt mussten wir einen verlandeten Bootsplatz ausbaggern und gleichzeitig Schilf umpflanzen, damit wir überhaupt die Bewilligung erhielten.

Und dann konntet ihr loslegen?
Nein. Von Anfang April bis Mitte Juli konnten wir wegen der Vogelbrut-Zeit im Schilf nicht arbeiten. Im Winter gibt es wiederum Fischschonzeiten. Und dann war der Seespiegel zu tief, weshalb wir die Arbeiten unterbrechen mussten.

Da wird schon die Planung zur Herausforderung.
Noch extremer ist es, wenn wir von einem See zum Nächsten wechseln. Das ist inzwischen eine richtige Expedition.

Weshalb?
Wegen der Quaggamuscheln. Wenn wir unsere Infrastruktur von einem See zum nächsten verschieben, müssen die Geräte entsprechend behandelt, kontrolliert und abgenommen werden. Am neuen See müssen wir uns wieder anmelden. Der Aufwand ist riesig.

Was hat sich neben der Spezialisierung sonst noch verändert?
Früher war ich eher regional tätig, heute bin ich schweizweit unterwegs. Lustigerweise kreuze ich trotzdem immer wieder Leute, die ich anderswo schon angetroffen habe.

Einige davon kennst du über Baukader Schweiz. Du bist seit rund 25 Jahren Mitglied. War für dich sofort klar, dass du beitreten willst?
Ja, aber ich habe das Anmeldeformular zuerst sicher acht Jahre mit mir herumgetragen. (lacht)

Warum bist du dann Mitglied geworden?
Mich hat vor allem der Austausch mit anderen Baukadern interessiert: Leute, die einen ähnlichen Bildungsweg haben und im Berufsalltag vor ähnlichen Problemen stehen. Das macht die Mitgliedschaft für mich bis heute spannend.

Inwiefern?
Seit ich schweizweit unterwegs bin, schätze ich gerade den überregionalen Austausch. Du kennst Leute aus anderen Sektionen und begegnest ihnen später irgendwo wieder. Oft stehen sie vor ähnlichen Herausforderungen, kennen aber andere Ansätze und bringen dich auf neue Ideen.

Welche Veranstaltungen locken bei euch am meisten Leute an?
Baustellenführungen. Wenn du eine interessante Baustelle besichtigen kannst und jemand die Baustelle zeigt, der selbst ins Projekt involviert ist, kommen auch Leute, die du sonst weniger siehst.

Warum funktionieren Baustellen so gut?
Weil du Einblicke bekommst, an die du sonst kaum herankommst. Besonders interessant wird es, wenn jemand erklären kann, weshalb etwas auf eine bestimmte Art gebaut wird.

Und wenn ich keine Zeit für Verbandsanlässe habe – bringt mir die Mitgliedschaft trotzdem etwas?
Wer auf einer Baustelle Verantwortung trägt, für den sind Rechtsberatung und Rechtsschutz gewichtige Argumente. Ich kenne viele, die davon profitiert haben. Ich selbst hatte über mehrere Wochen nachts gearbeitet und mein damaliger Arbeitgeber wollte die Nachtzulagen nicht anrechnen.

Wie hast du reagiert?
Ich habe mich bei Baukader erkundigt. Danach konnte ich meinem Chef aufzeigen, dass seine Aussage nicht stimmt. Es ging nicht um eine riesige Summe – aber sie stand mir zu.

 

Persönlich

Astrid Bleiss

Alter: 53 Jahre
Beruf: Bauführerin
Funktion: Spartenleiterin Rammpfähle, Spundwand und Wasserbau bei der JMS Risi AG
Ausbildung: Tiefbauzeichnerin, Maurer-Zusatzausbildung, Bauführerschule
Beruflicher Weg: Rund 17 Jahre allgemeiner Tiefbau, seit rund neun Jahren Spezialtiefbau
Baukader Schweiz: Seit rund 25 Jahren Mitglied, seit vielen Jahren im Vorstand ihrer Sektion
Was sie an Baukader schätzt: den fachlichen und persönlichen schweizweiten Netzwerk und konkrete Unterstützung wie die Rechtsberatung