7. Juli 2026

«Mi Boustell»

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Beni Berger (39) ist Polier bei der Baltensperger AG in Winterthur. Seine berufliche Laufbahn begann mit einer Schreinerlehre. Über die Vorarbeiter- und Polierschule wechselte er in den Hochbau. Nach kleineren Wohnbauprojekten führte ihn sein Weg auf die Grossbaustelle des Kinderspitals Zürich. Heute leitet er unter anderem anspruchsvolle Bauprojekte im Grossraum Zürich.

Beni Berger (39)
fand über Umwege ins Bauhauptgewerbe. Nach der Schreinerlehre sowie der Vorarbeiter- und Polierschule führte ihn sein Weg auf die Baustelle des neuen Kinderspitals Zürich – entworfen vom weltbekannten Architektenduo Herzog & de Meuron. Die aussergewöhnliche Architektur stellte ihn täglich vor neue Herausforderungen.  

Beni, du bist gelernter Schreiner. Wie landet man als Polier auf einer der anspruchsvollsten Hochbaustellen der Schweiz?  
Eigentlich eher zufällig. Während meiner Schreinerlehre als Möbelschreiner wurde direkt neben der Werkstatt ein neues Haus gebaut. Das faszinierte mich von Anfang an, vor allem auch, weil man draussen arbeiten kann. Als Möbelschreiner war man fast immer drinnen. Nach der Lehre machte ich die gestalterische Berufsmatura mit Blick auf ein mögliches Studium. Allerdings hat mich nichts wirklich gepackt. In den Ferien arbeitete ich jeweils in einem sehr kleinen Hochbaubetrieb als Handlanger, um etwas Geld zu verdienen. Nach der Berufsmatura wusste ich nicht wirklich, was ich studieren wollte. Ich ging dann noch ein halbes Jahr nach Australien, um surfen zu lernen und mein Englisch zu verbessern, danach ins Militär. Dazwischen war ich immer wieder auf dem Bau tätig.  

Der Bau hat dich nicht losgelassen.  
Ja, das kann man so sagen. Mein Chef fragte mich irgendwann, ob ich nicht bleiben möchte. Also machte ich die Vorarbeiter- und Polierschule – ohne Maurerlehre. Nach vielen Wohnbauprojekten wechselte ich in eine andere Firma im Kanton Solothurn. Dort blieb ich rund dreieinhalb Jahre und führte vor allem kleinere Wohnbauobjekte aus. Mich interessierten jedoch zunehmend die grossen Projekte, von denen es viele in Zürich gibt. Ein Grund, weshalb ich schliesslich nach Zürich zog, waren die spannenden Bauaufgaben.  

Du kamst als Polier auf die Baustelle des Kinderspitals Zürich, ein Projekt der Stararchitekten Herzog & de Meuron. Vermutlich etwas vom Anspruchsvollsten, was einem passieren kann. Was ging dir durch den Kopf?  
Ich war am Anfang ehrlich gesagt extrem nervös. Als ich gesehen habe, was da alles verlangt wird, dachte ich zuerst: Das geht nie. Es war mein erstes Projekt in dieser Dimension und vieles hatte ich noch nie gemacht. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich mich trotzdem darauf eingelassen habe.  

Was machte die Baustelle so aussergewöhnlich?  
Vor allem die Geometrie. Praktisch nichts war gerade. Das gesamte Gebäude ist kreisrund, die Balkone sind oval und gleichzeitig wurden höchste Anforderungen an den Sichtbeton gestellt. Wir bauten zwei runde Ortbetontreppenhäuser vom zweiten Untergeschoss bis in den siebten Stock – ohne Bindstellen. Dafür kam eine spezielle Rundschalung mit Zugringen auf der Aussenseite und Druckringen auf der Innenseite zum Einsatz.  

Du hast die ovalen Balkone erwähnt. Was war dort – abgesehen von der Form – die Herausforderung?  
Besonders anspruchsvoll waren die Balkonbrüstungen. Diese hingen sozusagen an den Balkonplatten und mussten sowohl oberhalb als auch unterhalb der Platten geschalt werden. Das machte die Ausführung deutlich komplexer. Zusätzlich lagen die Balkonplatten auf Stahlträgern mit grossen Elastomerlagern (Gummilagern). Bei den ersten Betonieretappen senkten sich die Balkonplatten inklusive der Brüstungen durch das Gewicht des Betons um bis zu 15 Millimeter ab, während sich die gegenüberliegende Seite anhob. Erst mit den folgenden Betonieretappen glichen sich diese Bewegungen wieder aus. Trotzdem mussten die Brüstungen jederzeit exakt stimmen. Zudem war die Brüstungskrone schräg und scharfkantig ausgebildet. Allein an den rund 1200 Metern Brüstungen arbeiteten wir fast ein Jahr. Insgesamt beschäftigten uns diese anspruchsvollen Sichtbetonarbeiten rund anderthalb Jahre.  

Hat dir deine Schreinerlehre auf einer solchen Baustelle geholfen?  
Ja, sogar sehr. Die Schreinerlehre hat mir beim Schalungsbau sicher geholfen. Ich wusste ziemlich genau, was wir brauchten. Ich war bei vielen Dingen genauer und strenger. Mein heutiger Chef hat das erkannt und mich deshalb auf dieser Baustelle eingesetzt. Ich war von Anfang an in die Planung mit den Schalungsherstellern eingebunden. Es gab dabei sehr viele Herausforderungen.  

Wann hast du gemerkt: Jetzt brauchen wir eigene Lösungen?  
Eigentlich von Anfang an. Zum Beispiel bei den Brüstungen konnten wir nicht einfach mit der Wasserwaage arbeiten, weil alles rund war. Für diese Ausführung gab es keine Standardlösung. Also musste ich selbst herausfinden, wie wir die geforderte Sichtbetonqualität mit scharfen Kanten und einem Gefälle von zwei Zentimetern umsetzen können.  

Wie seid ihr dabei vorgegangen?  
Wir haben viel ausprobiert. Mir war aber klar, dass wir ein effizientes System brauchen, weil es um viele Meter ging. Irgendwann, nach vielen Versuchen, kam ich auf die Idee, eine Handabglättmaschine der Firma Rokamat zu verwenden und umzubauen. Ich verstärkte das Kunststoffgehäuse mit Metall und fertigte Metallwinkel an, die wir an der Schalung befestigen konnten. So konnten wir die Maschine wie einen Schlitten auf zwei Winkeleisen führen.  

Du bist ein Tüftler, oder?  
Ich weiss nicht. Aber wenn ich sehe, dass etwas einfacher oder effizienter gehen könnte, lässt mich das nicht los.  

Hast du dafür noch ein Beispiel?  
Auf einer anderen Baustelle mussten wir pro Etappe bis zu 300 Kubikmeter Beton mit dem Kran einbauen. Da über den Etappen bereits eine Stahlkonstruktion montiert war, betonierten wir mit einem Schlauchkübel und einem rund zehn Meter langen Förderschlauch. Bei den grössten Etappen dauerte eine Betonage bis zu neun Stunden. Nach jedem Entleeren musste der Schlauch umgeklappt und gesichert werden, damit der restliche Beton – die sogenannte «Bojacke» – nicht auf die Baustelle tropfte. Üblicherweise wird dafür ein Kunststoffverschluss über den umgeklappten Schlauch gesteckt. Ich fand jedoch, dass dieser Arbeitsgang viel Zeit kostete.  

Was hast du also gemacht?  
Ich montierte am Förderschlauch einen starken Magneten und ein Stahlblech. So liess sich der Schlauch mit einem einzigen Handgriff öffnen und wieder sichern. Pro Vorgang sparte das zwar nur wenige Sekunden, doch über eine ganze Betonage hinweg summiert sich das zu einer beachtlichen Zeitersparnis. Ähnlich ist das bei den Planhäusern auf meinen Baustellen.  

Erzähl.  
Ich richte sie so ein, dass Maschinen, Akkuladestationen und Werkzeuge ihren festen Platz haben. Meine Planhäuser sind deshalb abschliessbar und mit allem wichtigen Werkzeug ausgerüstet. So sparen wir uns den Weg zum Container und zurück. Der Aufbau braucht am Anfang zwar Zeit, später arbeitet das ganze Team dadurch deutlich effizienter.  

Wie wichtig war die Zusammenarbeit auf der Baustelle des Kinderspitals?  
Enorm wichtig. Am Anfang bauten wir in einem kleinen Team ein Mock-up, um die Schalung und die Sichtbetonqualität zu testen. Später waren über zehn Leute im Bereich Sichtbeton tätig. Bei einem Projekt wie diesem entwickelt niemand allein die perfekte Lösung. Man diskutiert, probiert aus und verbessert ständig.  

Ihr habt sogar den Beton selbst gemischt.  
Ja, wir hatten eine eigene Betonanlage auf der Baustelle. Auch das war für mich neu. Man muss den Materialbedarf genau berechnen und wissen, wann Kies, Zement oder Zusatzmittel nachgefüllt werden müssen. Wenn während einer grossen Betonage plötzlich Material fehlt, steht alles still. Auch das zeigt: Gute Vorbereitung ist enorm wichtig.  

Warum ist die gute Vorbereitung für dich so entscheidend?  
Weil sie einem später enorm hilft. Ich schaue heute alle Pläne sehr genau an, rechne Kubaturen selbst nach und erstelle für jede Baustelle ein detailliertes Fünf-Wochen-Programm. Dabei fallen mir oft schon am Schreibtisch Details auf, die später Probleme verursachen könnten. Je besser ich vorbereitet bin, desto weniger Überraschungen gibt es auf der Baustelle. Ganz verhindern lassen sie sich nie – aber vieles kann man steuern.  

Was hast du persönlich aus dem Kinderspital mitgenommen?  
Sehr viel. Ich habe gelernt, dass man auch bei den schwierigsten Projekten nicht auf jede Frage von Anfang an eine Antwort haben muss. Mein erster Polier sagte immer: «Wenn du nicht weisst, wie es geht, musst du einfach mal anfangen – die Ideen kommen dann schrittweise.» Diesen Satz habe ich bis heute im Kopf. Es gab noch eine zweite Erkenntnis.  

Welche?  
Während der ganzen Baustelle dachte ich, mein damaliger Hauptpolier wisse auf alles eine Antwort. Nach Abschluss der Arbeiten sagte er zu mir: «Ohne dich hätte ich das nie geschafft.» Das hat mich überrascht. Da wurde mir bewusst, dass ich mir über die Jahre viel Wissen angeeignet habe. Von anderen Polieren, aber gerade auch von Bauarbeitern und sogar Handlangern. Es gibt oft mehrere richtige Wege, eine Aufgabe auszuführen. Deshalb sollte man immer offen für andere Lösungsansätze sein. Entscheidend ist, dass man als Team Lösungen entwickelt und sich gegenseitig ergänzt.  

Heute arbeitest du bewusst nur noch 80 Prozent. Weshalb?  
Weil der Beruf intensiv ist. Auf der Baustelle arbeite ich trotzdem meistens zehn Stunden pro Tag. Den freien Tag nutze ich oft in der eigenen Schreinerei, die ich gemeinsam mit einem Freund in Schlieren betreibe. Dort baue ich Möbel für mich, für Freunde oder auch für Kunden. Das ist für mich der perfekte Ausgleich.